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Zeugenaussage von Marceau Lannoy gegen den Anstaltsarzt Dr. Schäf nach der Befreiung, 13.4.1945
Arolsen Archives

Der Anstaltsarzt Dr. Schäf führte Anfang des Jahres 1940 im Sinne der Kriegswirtschaft eine besondere Maßnahme ein: Er nahm Gefangenen Blut ab, das an die Marburger Behringwerke für Blutuntersuchungen und -konserven ging und in Wehrmachtslazaretten gebraucht wurde. Dafür sollten die ‚Spender’ für eine Woche eine Sonderzuteilung an Lebensmitteln erhalten: 250g Fleisch, 100g Nährmittel. In der Nachkriegszeit berichteten ehemalige Gefangene, dass sie diese Sonderzuteilung nur stark reduziert oder gar nicht erhielten und dass Dr. Schäf in der Krankenstation der Anstalt auch geschwächten und kranken Häftlingen ohne deren Einwilligung Blut abgenommen hatte. Diese besonders schlimme Behandlung sei in anderen Haftanstalten nicht üblich gewesen.

Die hier gezeigte Zeugenaussage gab der ehemalige Häftling Marceau Lannoy nur vier Wochen nach der Befreiung gegenüber dem US-amerikanischen War Crimes Investigating Team 6822 ab; diese militärische Einheit untersuchte und dokumentierte die in den Haftanstalten und KZ begangenen Verbrechen als Vorbereitung der alliierten Kriegsverbrecherprozesse gegen NS-Täter.

Das gesammelte Belastungsmaterial war Grundlage des gegen das Diezer Gefängnispersonal geführten Prozesses in den Jahren 1948/1949 vor dem Tribunal Supérieur der französischen Zone in Rastatt. Das Gericht erwog als Gesichtspunkte Überbelegung, Mangelernährung, Arbeitseinsätze, harte Disziplinarstrafen, psychische Misshandlungen, medizinische Unterversorgung und Zwangsblutabnahmen. Abschließend kam es in der Urteilsbegründung zu dem Ergebnis, „daß alle diese Umstände dazu geführt haben, aus Diez eines der schlechtesten Gefängnisse Deutschlands zu machen, eines von denjenigen, in denen das Leben am schlimmsten, die Verpflegung am schlechtesten und die Krankheit und Sterblichkeit am höchsten waren; daß das gesamte Gefängnispersonal, jeder an seiner Stelle, zu dieser Sachlage beigetragen hat.