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Geheimer Brief mit Wegbeschreibung (sog. Kassiber), 3.8.1943
Archiv der JVA Diez

Dieser Brief wurde 2006 bei Renovierungsarbeiten in einer Zelle gefunden. Er besteht aus drei Blättern à 10 x 10 cm in französischer Sprache. Darin geht es um zwei Belgier, Vater (Henry) und Sohn (Roby), wobei ersterer als Verfasser dem Sohn Mut macht und auf die Befreiung noch Ende 1943 hofft. Beide waren vermutlich aufgrund des sogenannten ‚NN-Erlasses’ in Diez inhaftiert.

Diese auch als ‚Nacht-und-Nebel-Erlass’ bekannt gewordene Verordnung Adolf Hitlers richtete sich im Dezember 1941 gegen Personen aus Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen, die des Widerstands verdächtig waren und willkürlich verhaftet, nach Deutschland gebracht, dort verurteilt und inhaftiert wurden, ohne dass die Angehörigen von ihrem Schicksal wussten. Dadurch sollte die Zivilbevölkerung von Aktionen gegen die deutsche Besatzung abgeschreckt werden. Insgesamt betraf dies bis zum Kriegsende wohl zwischen 7.000 und 10.000 Menschen.

In der Strafanstalt Diez war schon mit Beginn des Krieges die Zahl der nicht-deutschen Inhaftierten stark angestiegen und erhöhte sich mit den ‚NN-Aktionen’ weiter. Im Juli 1944 waren von 568 Häftlingen 326 nicht-deutscher Herkunft, davon 282 aus den im Westen besetzten Ländern.

Der Text des Briefes und ein beiliegender Zettel mit Orts- und Entfernungsangaben zeigen, dass die Häftlinge über ein gut funktionierendes konspiratives Nachrichtensystem verfügten und so immer über den Kriegsverlauf Bescheid wussten, zum Beispiel über den Sturz Mussolinis am 25.7.1943. Bei der Wegbeschreibung Diez-Brüssel könnte es sich um eine Kurier- oder Fluchtstrecke handeln. Wer in der Anstalt das Bindeglied für Nachrichten nach und von außen war, wissen wir nicht.