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Gerichtsurteil gegen Attilio Bertano, 21.12.1942
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden

Attilio Bertano war seit August 1941 als in Italien angeworbener sogenannter Zivilarbeiter in Frankfurt im ‚Arbeitseinsatz’ und wohnte in einem ‚Italienerlager’ in Heddernheim. Beschäftigt war er als Heizer im Kesselhaus der zur Frankfurter Festhalle gehörenden Gebäude.

Bertano wurde beschuldigt, am 25. August 1942 aus einer bombengeschädigten Lagerhalle der Reichsbahn in der Nähe der Frankfurter Festhalle angebrannte und durchnässte, aber noch verwertbare Stoffballen mitgenommen und sie im Lager verkauft zu haben.

Zwar erklärte Artillio Bertano, „er habe an der Arbeitsstelle verschiedene junge Leute getroffen und habe diese gefragt, ob man sich von dem Stoff etwas nehmen könne. Einer dieser jungen Leute habe gesagt, sie seien doch kaputt und er könne sich unbedenklich etwas davon nehmen. Er habe angenommen, dass die Eigentümer dieser Stoffe auf die angebrannten Reste keinen Wert mehr legten.“ Doch folgte ihm das Gericht mit dieser Erklärung nicht: Zwar sei ihm anzurechnen, dass er die Strafbarkeit vermutlich nicht erkannt habe, doch hätte er wissen müssen, dass auf Seiten der Reichsbahn „ein Eigentumsverzichtwillen nicht vorlag“. Bertano wurde daher wegen Diebstahls und Plünderung verurteilt und galt darüber hinaus als „Volksschädling“.

Er verbüßte eine zweijährige Zuchthausstrafe in Diez. In dieser Zeit arbeitete er in der Weberei, der U-Boot-Netzherstellung sowie außerhalb der Anstalt in einem Bombenräumkommando. Ein von Attilio Bertano eingereichtes Gnadengesuch befürwortete die Diezer Gefängnisleitung wegen guter Führung. Doch lehnte die Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt es ab.

Nach Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde Bertano im Oktober 1944 der Gestapo übergeben, die einen Antrag auf Einweisung in ein KZ stellte. Attilio Bertano wurde im Februar 1945 in das KZ Buchenwald bei Weimar gebracht, wo er die Häftlingsnummer 102.891 erhielt. Er starb nur drei Wochen später, am 8. März 1945 – eine Todesursache wird in den Akten nicht angegeben. Vier Wochen nach seinem Tod wurde das KZ Buchenwald von US-Truppen befreit.